Sonntag, 12. Februar 2017

Leseprobe: "Der Todbringer" – Prolog.

Wie ihr vielleicht mitbekommen habt, überarbeite ich zurzeit meinen Horror-/Romantasy-Roman "Der Todbringer". Vor ein paar Monaten hatte ich schon einmal den Prolog gepostet, der sich inzwischen jedoch komplett verändert hat. Und ihr habt heute die Chance, ihn zu lesen! Ich bin gespannt, was ihr davon halten werdet. Falls ihr danach Interesse haben solltet, weiterzulesen, schickt mir doch eure E-Mail-Adressen und ihr erhaltet eine weitere exklusive Leseprobe von mir. :) Aber erstmal: viel Spaß beim Lesen!
Quelle: Jessica Iser


Prolog

Eine kalte Nebelhand legte sich um Leifs Nacken, als er das Haus verließ.
In der düsteren Stille der Nacht fiel die Tür hinter ihm viel zu laut ins Schloss und ein leiser Fluch entfuhr dem alten Weingärtner. Schwer atmend sah er sich um, aber im Dorf war es still. Die beschlagenen Fenster der umliegenden Häuser blieben dunkel. Die einzige Bewegung kam von den wabernden Nebelschwaden, die hinter der Stadtmauer Kralls aufstiegen und im schwachen Mondlicht grünlich schimmerten.
Leif zog sich die Hutkrempe tiefer in die Stirn und ging raschen Schrittes um seine Hütte herum, wo bereits sein treues Pferd mit der klapprigen Kutsche auf ihn wartete. Der Rappe schnaubte leise, als er seinen Herrn erblickte. Das Tier wirkte unruhig, woraufhin Leif ihm die Nüstern tätschelte.
„Ganz ruhig, alter Junge“, sagte er leise. „Bald wird es hell. Wir machen uns früh auf den Weg durch den Wald, dann sind wir heute Abend ganz sicher auf der anderen Seite im Städtchen.“
Leif warf einen prüfenden Blick auf die kostbare Ware in seinem Kutschwagen. Wohlschmeckender Wein, den er in seinem eigenen Garten anbaute und für gutes Geld in den nächstgelegenen Orten verkaufte. Doch dafür musste er den Ewigen Wald durchqueren – ein Unterfangen, vor dem sich die meisten Dorfbewohner scheuten.
„Dann los“, sagte Leif mehr zu sich selbst, als zu seinem Pferd, und hievte sich auf den Kutschbock. Mit einem Schnalzen ließ der Winzer die Zügel knallen und kutschierte über die gepflasterte Hauptstraße zum Stadttor hinaus. Die schützenden Mauern blieben hinter ihm zurück und Nebel empfing ihn.
Zieht Nebel über’s nächtlich’ Land, nimmt der Tod die Sense in die Hand.
In Krall galten neblige Nächte als ein böses Omen. Und zu Recht ängstigten sich die Menschen, die dort lebten. Mehrmals im Jahr, wenn es von den Sümpfen besonders stark nebelte, brach der Tod über sie herein, schlich sich an, ungesehen. Dennoch kursierte die Legende eines monströsen Schattens, größer als jeder Mann im Dorf, der in den Todesnächten umging. Doch niemand derer, die so vehement beteuerten, ihn erblickt zu haben, konnte sagen, wie er ausgesehen hatte. Die einen behaupteten, er habe die Gestalt eines Menschen, andere wiederum glaubten, dass es sich um ein gesichtsloses Ungeheuer handelte. In einem waren sich allerdings alle einig: Sie fürchteten ihn.
Leif schüttelte die Gedanken an das alte Sprichwort und den Aberglauben seines Dorfes ab. Er konnte kaum die eigene Hand vor Augen sehen, obwohl neben ihm am Kutschwagen eine Laterne in ihren Scharnieren hin und her schwang. Er ließ die Zügel knallen, woraufhin das Pferd in einen schnellen Trab fiel. Dann wurde die Kutsche endlich von den ersten Bäumen des Waldes umringt; hier war der Nebel weniger dicht und Leif atmete auf.
Dafür verdichteten sich die nächtlichen Geräusche um ihn herum, je tiefer er in den Ewigen Wald vordrang. Das entfernte Schuhu einer Eule schallte stetig zwischen den Bäumen hindurch und hier und da raschelte es im Gestrüpp, während der Wind die Blätter über Leifs Köpfen erschütterte und von ihren Zweigen riss. Der Herbst war nah.
Nach einer Weile fragte sich der Weingärtner, wieviel Zeit wohl schon vergangen war, denn er fühlte sich, als näherte er sich bereits dem Herzen des Waldes. Doch das war unmöglich; die Morgendämmerung war noch fern. Um ihn herum wuchsen die Pflanzen wild und unzugänglich, aber der Pfad wurde nach wie vor von der alten Laterne beleuchtet und Leif hielt den Blick stur geradeaus gerichtet.
Im Augenwinkel erhaschte er eine Bewegung. Reflexartig riss Leif an den Zügeln. Sein Pferd wieherte schrill, bäumte sich auf und kam schließlich mitsamt der Kutsche zum Stillstand.
Schwer atmend sah Leif sich um, nichts regte sich außer dem Wind. Er hätte nicht schon wieder einen über den Durst trinken sollen. Vor allem nicht jetzt, da er den Wald durchqueren musste. Mit einer Hand – schwitzig von seinem zu festen Griff um die Zügel – wischte er sich übers Gesicht und versuchte den trüben Schleier, den der Alkohol vor seinen Augen hinterlassen hatte, wegzublinzeln. Ein Schatten erhob sich auf dem Pfad vor ihm.
Mit dem nächsten Augenaufschlag war er verschwunden.
Leif erschauderte. Noch war es nicht zu spät umzukehren, grübelte er. Sein Blick fiel auf die Weinamphoren im Kutschwagen und er schüttelte den Kopf. Von lächerlichen Hirngespinsten würde er sich nicht zurück ins Dorf jagen und zum Gespött der Leute machen lassen.
Der Winzer trieb sein Pferd erneut an, das Tier jedoch schritt nur zögerlich voran.
„Na komm, mein Junge“, sagte Leif in beruhigendem Ton, woraufhin der Rappe die Kutsche widerwillig vorwärts zog.
In den Schatten, die die Äste auf den Waldboden zeichneten, glaubte der Weingärtner unheimliche Symbole zu erkennen. Er blickte rasch geradeaus, wo der zunehmend unwegsame Pfad sich in die Finsternis hineinwand. Leif versuchte sich zu beruhigen. Keine Höllengestalten sprangen ihn aus dem Dickicht heraus an und um ihn herum war alles still.
Zu still.
Der Ruf der Eule war verstummt und selbst der Wind hatte sich gelegt.
Ohne dass Leif es gemerkt hatte, war seine Kutsche wieder zum Stillstand gekommen. Das Pferd wieherte leise und versuchte rückwärts zu gehen. Denn vor ihnen versperrte eine Gestalt den Weg. Und als Leif diesmal ungläubig blinzelte, verschwand sie nicht.
Einige Meter von der Kutsche entfernt stand die zwei Meter große Erscheinung reglos auf dem Pfad. Ein Umhang verhüllte die Silhouette und das Gesicht lag im Schatten der Kapuze.
Leif überlegte, ob er dem Mann – wenn es denn einer war – zurufen sollte, doch seine Stimme und sein Atem stockten vor Angst. Und dann hob der Fremde den Kopf und sah ihn an.
Sah ihn an mit den düstersten Augen, die der Winzer bis dahin gesehen hatte. Das schwache Licht der Laterne reflektierte in ihnen und verwandelte sie in eine Höllenglut.
Leif erschauderte und unterdrückte den Drang, aufzustehen und davonzulaufen, einzig und allein dadurch, dass es nichts gab, wohin er hätte fliehen können. Die Bäume umzingelten ihn. Dahinter lagen nur lauernde Schatten und Dunkelheit.
Und vor ihm hatte die Nacht Gestalt angenommen.
Der unheimliche Mann hob seinen Arm und in seiner Hand erkannte Leif ein seltsames Objekt; es sah aus wie eine Sanduhr – doch statt Sand schwappte etwas dunkles, dickflüssiges darin herum.
Blut.
„Deine Zeit ist um“, dröhnte die unheilvolle Stimme des Mannes durch den Wald und im selben Atemzug wendete er den makabren Glasbehälter. Die rote Flüssigkeit schien rasend schnell durch die schmale Mitte zu laufen.
Die Gestalt verschwand und Leif zweifelte augenblicklich an seinem Verstand. Ehe er sich aus seiner Schockstarre reißen und davonfahren konnte, bemerkte er plötzlich, dass jemand neben ihm auf dem Kutschbock saß. Leif wandte den Kopf und schrie auf, als er sich dem Nachtgeschöpf gegenübersah. Dieses hob einen Finger an die Lippen und im nächsten Moment glänzte eine scharfe Klinge in seiner Hand. Kein Laut kam Leif über die Lippen, als der Mann ihm das Schwert in die Brust rammte. Fast genauso schnell zog er es wieder heraus und der Weingärtner stürzte quälend langsam vom Kutschbock. Das panische Wiehern des Pferdes schrillte in seinen Ohren. Und als der gewaltige Schatten des Fremden über ihn fiel, sah Leif zu, wie der letzte Tropfen Blut durch die Taille der gläsernen Uhr fiel.


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