Sonntag, 18. Juni 2017

Rezension: „Fuchsteufelsstill“ von Niah Finnik

Ab und zu brauche ich mal etwas Abwechslung vom Fantasy-Genre. Der Roman „Fuchsteufelsstill“*, der von der Autistin Juli handelt, war da mal etwas ganz Anderes. Aber heißt anders auch gleich positiv?

 „Geschichten sind anders. Sie behaupten nicht, dass das, was sie erzählen, real ist.“



Story


Nach ihrem Selbstmordversuch lernt die Autistin Juli gleich am ersten Tag ihrer Therapie die hyperaktive Sophie und den schizophrenen Philipp kennen. Aber dass sie sich bald schon sehr nahe stehen, damit hätte sie nicht gerechnet. Denn als sich ein Patient erhängt, machen sich die drei auf einen verrückten Trip gen Norden …

Charaktere


Ich bin mir nicht ganz sicher, was ich von den Charakteren halten soll. Einerseits sind sie auf ihre verschrobene Art ganz interessant und sympathisch, aber insgesamt haben sie mich dann doch nicht so ganz für sich gewinnen können. Die Erzählweise aus Julis Sicht empfand ich als extrem anstrengend. Ihre Gedanken schweifen seitenweise ab und kommen dann erst wieder zur eigentlichen Situation zurück, wenn man irgendwie schon total raus ist. Natürlich trägt es zu ihrem Charakter bei, da sie als Autistin eine sehr spezielle Weltsicht hat. Allerdings habe ich irgendwann vieles nur noch überflogen, weil es meiner Meinung nach für die Geschichte kaum Relevanz hatte, zumindest nicht in diesem Ausmaß. Ich wage zu behaupten, dass die Hälfte des Buches aus reinen Exkursen in Julis Gedanken besteht. Da bleibt nicht viel Raum für die anderen Charaktere oder die eigentliche Story, sich wirklich zu entfalten.

Die schrullige Sophie war mir an sich ziemlich sympathisch, wenn auch stellenweise beinahe nervig. Aber sie bediente für mich auch das absolute Klischee. Das durchgeknallte Mädchen mit den schrillen Klamotten, das mit ihrer aufgedrehten Art sofort an der Protagonistin klebt und sie positiv (?) beeinflusst. 

Philipp blieb ziemlich blass. Ich weiß nicht, ob ich ihn bei ganz nett oder absolut unsympathisch einordnen soll, was vermutlich seiner Krankheit zuzuschreiben ist. Aber ich kann nicht nachvollziehen, was Juli gerade an ihm so besonders findet, obwohl sie doch sonst große Schwierigkeiten mit sozialer Interaktion hat. Liegt es daran, dass er auch psychische Probleme hat? Für mich wurde es einfach nicht deutlich genug, warum gerade zwischen den beiden eine Bindung entstanden ist, die vieles am Ende des Buches ins Rollen bringt.

Schreibstil


Ich war überrascht, dass in vielen Rezensionen der Schreibstil der Autorin so hoch gelobt wurde. Er ließ sich zwar flüssig lesen, erzeugte aber weder Spannung, noch hob er sich auf besondere Art von der Masse ab. Im Gegenteil wirkte der Schreibstil auf mich recht kindlich, was leider auch stark auf die Charaktere abfärbte. Wenn das Absicht ist, dann ist es meiner Meinung nach nicht sonderlich gut gelungen. Es ließ die ganze Geschichte und Juli arg naiv wirken. Hinzu kommen die oben bereits genannten, seitenweisen Ausführungen von Zahlen und Fakten, die Juli irgendwo aufgeschnappt hat. Das heißt nicht, dass die Autorin schlecht schreibt, es hat mich nur einfach nicht gepackt. 

Das Einzige, das mir wirklich gut gefallen hat, waren die Szenen über Julis Angst in Form eines Fuchses. Nie sieht sie ihn wirklich, mal streicht er ihr um die Beine, mal hört sie ihn tapsen. Das fand ich sehr glungen.

Lesevergnügen


Leider gilt auch für den Rest des Buches, dass die gesamte Story mich relativ kalt ließ. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass die Story sich recht kurz zusammenfassen lässt und ziemlich abstrus ist. Vieles wird wahnsinnig schnell abgehandelt, Julis Gedankenexkurse hingegen seitenweise totgeredet. Dieses Ungleichgewicht hat für mich einfach nicht funktioniert.

Zu Beginn hatte die Geschichte Potential, dann wurden die Geschehnisse immer seltsamer, selbst für drei psychisch kranke Menschen. Denn irgendwie schien mir auch das Umfeld absolut abgedreht zu sein und einige unglaubwürdige Szenen, die einfach nicht genauer erklärt wurden, haben mich einfach nur verwirrt zurückgelassen. Das mag man jetzt darauf schieben, dass ich das Buch nur nicht richtig verstanden habe und vielleicht ist das auch so. Aber spätestens bei einer gewissen Partyszene war bei mir Schluss und ich weiß bis jetzt nicht, was das sollte. Auch das Ende kam ziemlich abrupt und ließ mich ziemlich fragend zurück. Einer der Hauptkonflikte wurde aufgelöst, aber das ganze Drumherum wirkte so, als wäre es unter den Tisch gefallen, um es nicht weiter behandeln zu müssen.
Ihr merkt schon, ich bin ziemlich unzufrieden mit diesem Buch. Ich wollte es mögen und hatte wirklich gehofft, dass hinter dem Titel eine spannende Geschichte um Menschen und deren psychische Krankheiten steckt, aber es war leider ganz anders als erwartet.

Fazit: Sicher hat die Geschichte auch ihre positiven Seiten, aber insgesamt war „Fuchsteufelsstill“ für mich keine runde Sache, daher kann ich dem Buch nur zwei Leseratten geben.

Habt ihr das Buch gelesen und wenn ja, was haltet ihr von der Geschichte? Oder könnt ihr ähnliche gute Bücher empfehlen?

* Das E-Book wurde mir kostenlos von Netgalley zur Verfügung gestellt.

Kommentare:

  1. Wieso hats denn zwei und nicht eine Ratte bekommen? :D
    Ich glaube, nach dem was du so schreibst, würdest du Effi Briest überhaupt nicht mögen. Bei mir ist das eher andersrum. Bei Filmen brauch ich viel Handlung und Action, bei Büchern darf es auch mal seitenweise abschweifen

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    1. Weil die Geschichte nicht komplett schlecht war, es hatte schon Potential ;) Bei mir gibt's ja keine null Leseratten.

      Hm, es kann schon abschweifen. Aber eher in das Drumherum oder die Gedanken. Aber wenn es aufeinmal um etwas komplett anderes geht, etwa seitenweise Formeln und Berechnungen, dann steig ich aus.

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