Sonntag, 20. März 2016

Romanauszug: Der Todbringer | Kapitel I (Part I)

Hallo ihr Lieben,

ich habe heute etwas Gute-Nacht-Lektüre für euch: Einen weiteren Auszug aus meinem Roman – sozusagen zur Feier der Woche, denn ich habe meinen Masterabschluss erfolgreich geschafft! Ihr wisst was das bedeutet: Mehr Zeit zum Lesen! Haltet also die Augen offen, bald kommt ein Haufen Bücher auf euch zu.



Liebste Grüße










 Kapitel I
Der Wandel

Zwischen den dräuenden, dunklen Wolken hindurch schien die Sonne gnädig auf das Dorf Krall und seine Bewohner, die an diesem Vormittag wie üblich ihren Geschäften nachgingen. Auf den mit Kopfstein gepflasterten Hauptstraßen reihten sich Stände verschiedenster Marktleute aneinander: Kräuter und Gewürze, Fisch, Fleisch, Felle und anderer Trödel wurde hier angeboten und die Verkäufer versuchten sich mit Angeboten, die sie den passierenden Bewohnern zuriefen, zu überbieten.

In den abgehenden, ungepflasterten Gassen führten die Farmer ihre Ziegen und Schafe durch den Schlamm und ein paar ärmliche Gestalten boten ihre Waren an, da sie sich keinen Stand auf den großen Straßen leisten konnten.

Alys, die Nichte des Fellmeisters, beobachtete die Stände auf der Hauptstraße und wartete auf Kundschaft. Während die anderen Verkäufer sich heisere Kehlen holten, begnügte sie sich zumeist damit, die Felle und Lederwaren ihres Vaters nach Farben zu sortieren. Ihr äußeres Erscheinungsbild genügte, um so manchen Passanten zum Kauf zu verführen. Sie wusste, dass Baren sie nicht nur mit den besten seiner Felle beschenkte, weil er ihr Onkel war, sondern auch weil er um ihr verlockendes Potenzial wusste.

An diesem Tag war Alys dankbar für den wärmenden Wolfspelz um ihre Schultern und dass sie alleine den Marktstand beaufsichtigen durfte. Zwar liebte sie in gewisser Hinsicht ihren Onkel und ihre Tante, immerhin hatten die beiden sie großgezogen. Doch konnte sie nicht umhin zu bemerken, dass die beiden sich nun, da Alys zur Frau gereift war, anders verhielten. Mit allen Mitteln versuchten sie das Geld, das sie für ihre Erziehung eingebüßt hatten, wieder einzuholen. Sei es, indem sie Alys Schönheit auf dem Markt ausnutzten, oder indem sie planten, sie an einen Mann zu verheiraten – bevorzugt mit den Taschen voller Gold.

Seufzend sah Alys zu, wie die Passanten ihrem Alltag nachgingen. Die meisten kannte sie persönlich, wie es im Dorf üblich war. Bertram, ein alter Mann, der jeden Tag aufs Neue versuchte, jeden herunterzuhandeln. Calla, die angeblich mehrere Betten warmhielt. Sille und Wem, die erst letzten Monat, als der Sommer noch über dem Land lag, geheiratet hatten. Alys schnalzte bei dem Anblick missbilligend mit der Zunge. Nicht, weil sie ihnen ihr Glück nicht gönnte, sondern weil sie dieser Art zu leben nichts abgewinnen konnte. Früh heiraten und Kinder gebären, das war nie ihr Ziel im Leben gewesen. Noch weniger, seitdem Gerüchte die Runde machten, der Sohn des Bürgermeisters wolle sie zur Frau nehmen.

Mit einem Fernweh, das sie sich nicht erklären konnte, dachte Alys oft darüber nach, wie es wohl in Städten fern von Krall zuging. Nur einmal, als sie dreizehn gewesen war und ein besonders trockener Sommer herrschte, hatte Baren sie auf seinem Wagen mit nach Vargund genommen, eine Stadt, die etwa vier Stunden entfernt angesiedelt war. Auf dieser Tagesreise hatte Baren seine besten Waren an reiche Händler verkauft. Alys hatte über die verwinkelten Gassen und die unzähligen Steinhäuser, die sich an den Berghängen aneinanderreihten, gestaunt. Auch die Menschen, die dort lebten, schienen anders zu sein, auffälliger, wagemutiger. Abgesehen davon kannte sie nur das Sumpfland, das eine Reise nach Vargund so riskant machte, wenn nicht gerade ein glückliches Jahr mit den Gezeiten anstand und die Wege trocken genug waren, um sie mit etwas Achtsamkeit unbeschadet passieren zu können. Von Krall aus konnte man bei gutem Wetter die Berghänge sehen, die sich scharf vom Horizont abzeichneten und wo Vargund am Fuße im Schatten lag.

Und dann gab es noch den Wald, der sich in der entgegengesetzten Richtung direkt hinter Krall erstreckte. Ständig wanderte Alys darin umher, um Pilze zu sammeln oder dem Alltag zu entkommen. Manchmal verbrachte sie einen ganzen Tag dort, doch niemals hatte sie es geschafft, ihn zu durchqueren und auch sonst niemand, der lebend zurückgekehrt war. Fast so, als hätte der Wald kein Ende oder als lauerte etwas darin, das niemandem den Durchgang gestattete. Im Dorf nannte man ihn den Ewigen Wald. Alys mochte diesen Namen. Er bedeutete, dass es immer wieder Neues zu entdecken gab. Und im Gegensatz zu vielen anderen im Dorf, fürchtete sie sich nicht davor. Sie liebte den Wald.

Die Leute auf der Straße wichen plötzlich respektvoll zur Seite, als sich ein gut gekleideter, junger Mann seinen Weg an den Marktständen vorbei bahnte. Eine Welle der Abneigung überkam Alys bei seinem Anblick. Es handelte sich um niemand geringeren als Arwulf, den Sohn des Bürgermeisters – und womöglich ihr zukünftiger Ehemann.

Alys wusste, es ergab nicht viel Sinn, ihn zu ignorieren, indem sie vorgab, ihn nicht gesehen zu haben. Nur zu oft kam er auf dem Markt zu ihrem Stand, belästigte sie mit seiner Anwesenheit und demonstrierte allen anderen, dass sie ihm gehörte. Wut stieg bei dem Gedanken in Alys auf. Nein, noch nicht.



[Bei diesem Text handelt es sich um mein eigenes geistiges Eigentum und ich bitte euch, dies zu respektieren.]


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